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Danke Zürich! oder: Hundetraining versus Hundeausbildung

Asik im Schnee

Im Kanton Zürich sind Hundetrainer keine Trainer, sie sind anerkannte Hundeausbildner. Auf der Webseite des Veterinäramtes und in den offiziellen Schreiben wird von Hundeausbildung gesprochen, nicht aber von Hundetraining. Und ich sage an dieser Stelle: "Danke Züri für diese beinah treffende Bezeichnung."

Im Alltag sind die paar Ausdrücke, die seit dem neuen Tierschutzgesetz 2008 entstanden sind für Hundehalter nicht besonders relevant. Jeder macht mit seinem Hund den SKN aber der Nachweis könnte beinah eben so gut 'Halterbrevet' oder 'Hundeführerschein' heissen. Sicher wurde die Bezeichnung 'Sachkundenachweis' (oder kurz: SKN) bewusst gewählt und passt auch ganz gut, denn der SKN stellt im Grunde eine Art Sprachkurs in Hündisch dar. Dem Hundehalter werden die Basics vermittelt und dieser kann danach selber entscheiden, ob er sein Wissen vertiefen und sozusagen in die Feinheiten der hundlichen Grammatik eintauchen will oder lieber an der Oberfläche bleibt. Es wird keine Prüfung abgelegt und es müssen keine Tests bestanden werden. Die Verantwortung, das nötige Grundwissen für ein harmonisches Zusammenleben von Mensch und Hund zu erarbeiten und ein Hundeleben lang anzuwenden, liegt beim Halter. Der Hund ist in dem Fall die 'Sache', das zu erwerbende Grundwissen die 'Kunde' und das Papier am Schluss der 'Nachweis'. Und weil Sachkundenachweis einfach besser tönt als 'Hundegrundwissenspapier' (kurz wär das dann: HGP) hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen wohl zurecht von der Neuschöpfung eines Ausdrucks dieser Art abgesehen und sich etwas Neutraleres einfallen lassen. Die einzige Schwierigkeit an der 'Sache' ist vielleicht, dass sie nicht gerade selbsterklärend ist. So können sich die wenigsten Ersthundehalter und noch weniger Nicht-Hundehalter etwas unter dem Begriff 'Sachkundenachweis' vorstellen. Vom eigenen Hund zur 'Sache' bzw. von der 'Sache' zum lebendigen Hund, der gerade an einem Grashalm schnüffelt, ist es für die meisten Menschen auch gedanklich ein weiter Weg. Und so kommt es dann, dass wir Hundehalter alle vom SKN (tatsächlich eher: 'Äskaenn') sprechen, ohne dass die Bedeutung dahinter (eben: Sachkundenachweis) irgendeine Relevanz hat. Das ist auch okay, da bellt kein Hund danach - und wie würde der Duden auch sonst zu neuen Wörtern kommen? (Das muss man sich mal vorstellen in 100 Jahren - Hundehalter sind dann auch Kulturgutschaffende.)

Neben diesen weniger spannenden Details gibt es in der Sprache rund ums Thema Hund aber auch eine interessante Differenzierung, die das Veterinäramt des Kanton Zürichs offenbar verstanden hat und glücklicherweise, so meine ich, entsprechend kommuniziert. Personen, die berechtig sind, die vom Kanton vorgeschriebenen obligatorischen Kurse für Hundehalter zu unterrichten, werden als 'Hundeausbildner' bezeichnet. Es sind also keine Hundetrainer, sondern eben geschulte Fachmenschen, die Hunde und deren Halter ausbilden. Man kann natürlich sagen, das ist alles einerlei. Gerade wie der SKN eben so gut 'HGP' heissen könnte, ist es doch völlig egal, wie man den Leuten sagt, die Hundeschule geben. Stimmt irgendwie. Aber gleichzeitig überhaupt nicht.

Wer sich etwas Zeit nimmt, kommt selbst bald darauf, dass ein beachtlicher Unterschied besteht zwischen Training und Ausbildung. Bei einem Training übt man zum Beispiel ein neues Bewegungsmuster ein. Das ist in jedem Sport der Fall und ein Profi unterscheidet sich vom Hobbysportler neben Kraft und Ausdauer durch mühelose und möglichst automatische Abläufe. Ein geübter Tennisspieler überlegt nicht, wie er das Racket halten muss oder macht sich während dem Spiel Gedanken über die Regeln. Er spielt 'einfach' und sein Arm 'weiss', was er zu tun hat. Allen bekanntes Training ist auch das Voci büffeln für die Schule. Jeder von uns hat wohl für ein paar Jahre mehr oder weniger erfolgreich Franzwörtli auswendig gelernt - durch gefühlte Endlosigkeiten, bis es irgendwann (hoffentlich) 'automatisch' klappte. Nur, mein Problem dabei war immer, dass ich a) die Wörtli zum allergrössten Teil in 48 Stunden wieder komplett vergessen hatte und b) nur durch strukturiertes Erraten in einen sinnvollen Zusammenhang bringen konnte. Mittel der Wahl ist beim Trainieren das Wiederholen von Bewegungen, Abläufen oder eben Vokabeln. Und zwar so lange, bis sich das gewünschte Resultat einstellt. (Für einen angehenden Profi-Tennisspieler können das schon bis zu 10'000 Anschläge werden pro Tag.) Abwägen und Nachdenken will gerade umgangen werden, damit die gewünschte Schnelligkeit, eine reflexartige Reaktion, erreicht wird. Viele Sportarten drehen sich um Geschwindigkeit, und wie wir alle wissen, zählt auch in der Schule jede Minuten bis zum Pausengong oder eben bis zur Prüfungsabgabe.

Soweit so gut. Nur, warum soll Sie das als Hundehalter schon interessieren? Nun, trainieren kann man bekanntlich auch mit Hunden. Was genau und vor allem wofür eigentlich, das ist dann meistens schon nicht mehr so klar. Trainieren, bzw. das ein Hundeleben lang andauernde Wiederholen von Kommandos wie 'Hierher' und 'Bleib' kann man machen. Bei den meisten Hunden sieht man dabei wunderbar den 'Franzwörtlieffekt '. Das Herkommen klappt mit genug Futter einwandfrei auf dem Hundeplatz, aber zu Hause hat der Hund alles schon wieder vergessen oder scheint keinen Schimmer zu haben, was Frauchen denn überhaupt von ihm will. Die Halterin nimmt sich dann vielleicht vor, regelmässig zu trainieren und für eine Weile klappt das Herkommen auch am Übungsort daheim besser, aber spätestens sobald eine neue Situation da ist, wird es komplexer. Der Zusammenhang ist anders und der Hund passt sein Verhalten an. Er geht mit einer (vermeintlich) gleichen Situation anders um. Herrchen nervt sich ziemlich sicher, dabei hat er wohl einfach nicht gesehen, dass aus der andern Richtung ein Velo kam und der Hund lieber warten wollte, bis es vorbei war, bevor er sich in Bewegung setzt. Hundesportler machen es daher gern wie Tennisprofis und steigern die Wiederholungen und ändern den Zusammenhang, bis der Hund nicht mehr langsamer ist oder gar Alternativen abwägt, sondern reflexartig reagiert. Ein Pfiff und der Hund steht bei Fuss. Zugegeben, es hat etwas Faszinierendes, wenn ein Hund sofort und immer umsetzt, was Frauchen ihm vorgibt. Wie eine Maschine läuft das Tier und scheint allein auf das nächste Kommando, den nächsten Befehl zu warten. Ein Hund, der aufs Wort gehorcht, ist der Idealhund unserer Gesellschaft. Was dabei oft vergessen geht, ist die Frage, wie viele Fähigkeiten der Hund durch das ständige Einüben wohl verlernt bzw. 'vergessen' hat und welche Fertigkeiten er nie entwickeln konnte, weil im Trainingsprogramm und im Leben seines Herrchens dafür kein Platz vorgesehen war.

Training wir dann als erfolgreich angesehen, wenn unsere Ziele erreicht sind. Und der vom Mensch angesetzte Massstab ist nichts weniger als die Perfektion. Die Mittel zum Zweck spielen dabei so gut wie keine Rolle. Ob der Hund die Übungen leicht und gerne macht ebenso wenig. Was die Folgen von unangemessenem Training sind und wieviel dem Hund dabei an natürlichem Verhalten abhanden kommt, davon hört man so gut wie nix. Aber jede Medaille hat (mindestens:) zwei Seiten. Und es ist wichtig, dass wir uns auch als Hundehalter einmal Gedanken machen, was wohl die Kehrseite der Perfektion, bzw. des Wegs dorthin sein mag.

Auch bei der Hundeausbildung (wie wir sie bei dogs in balance verstehen) geht es ein Stück weit um das Erlernen von Abläufen und darum, was wir Menschen als Grundgehorsam bezeichnen. Im Unterschied zum üblichen Hundetraining arbeiten wir allerdings kaum in künstlichen Situationen (wie es zwangsläufig auf einem Hundeplatz geschieht) und wiederholen mit dem Hund endlos die gleichen Übungen bis er sein Hirn abstellt und blind gehorcht, sondern wir berücksichtigen ganz bewusst seine arteigene Intelligenz, sein Wesen und seine Fähigkeit zur selbständigen Problemlösung. Oder anders ausgedrückt: Wir erziehen den Hund zum Mitdenken. Auch wen das manchmal bedeutet, dass Hund und Halter nicht ganz der selben Meinung sind. Der Weg und das Ziel in der Hundeausbildung ist, das natürliche Verhalten und die im Hund veranlagten Fähigkeiten zu fördern, sodass ein harmonisches Zusammenleben von Mensch und Hund entsteht. Und zwar so, dass beide Seiten die ihnen eigenen Ideen und Bedürfnisse einbringen können.

Eine Ausbildung oder Lehre dauert oft mehrere Jahre, da es einfach Zeit braucht, um Geschicklichkeit und Fluss in einem Handwerk zu erlangen. Fähigkeiten werden entwickelt und es kann Wochen oder Monate dauern, bis sich erste Erfolge zeigen. So ist es auch bei der Arbeit mit unseren Hunden. Mit jeder Erfahrung kommt ein Baustein dazu und wenn wir ihm die Zeit zum Lernen einräumen, zeigt der Hund früher oder später von sich aus das richtige Verhalten. Für viele Menschen ist das schwer zu glauben und ein wichtiger Teil des Unterrichts besteht daher darin, das gegenseitige Vertrauen zwischen Halter und Hund zu fördern.

Wer sich einlässt auf seinen Hund und ihm die Chance gibt, mitzudenken und sich mitzuteilen, der kann nur stauen über das Verständnis, welches dieser auch für komplexe Zusammenhänge zu entwickeln vermag. Und er wird vielleicht feststellen, dass sein Hund die Strassenseite wechselt, wenn ihm ein Kind entgegenkommt, dass er stehen bleibt und einen Baum beschnüffelt, wenn ein fremder Hund etwas gar reges Interesse zeigt, dass er gerne auf seinen Besitzer wartet, bis dieser sich die Schnürsenkel gebunden hat. Natürlich lässt sich mit all diesen 'Nebensächlichkeiten' kein Preis gewinnen. Aber der Alltag mit dem eigenen Hund wird für alle immer leichter, freudiger und entspannter. Zufriedene Hunde, zufriedene Menschen - das ist doch fast ein Stück vom Glück?

Hundeausbildung braucht also wie jede fundierte Ausbildung vor allem Zeit. Nicht permanentes Programm oder eben Training, das alle möglichen und unmöglichen Eventualitäten eines Spaziergangs einüben will. Nein. Einfach nur Zeit, Geduld und etwas Zuversicht, dass aus jedem Hund ein Traumhund werden kann.

Wenn mich die Leute fragen, was ich arbeite, dann weiss ich nie recht, was ich antworten soll. Meistens sage ich dann: "Ich schaff mit Hünd und ihrne Bsitzer". Kurze Pause. Dann kommt die Antwort: 'Aaah! Du bisch Hundetrainerin." Mmmh. Nicht ganz. Aber eben, da bellt ja kein Hund danach. Es bleibt die Hoffnung, dass in 100 Jahren vielleicht auch für diesen Beruf ein neuer Begriff geschaffen wurde, der irgendwie wiedergibt, wie viel Potenzial in Mensch und Hund durch die gemeinsame Arbeit freigesetzt wird. Und Arbeit ist es. Auch wenn sie die meiste Zeit unsichtbar bleibt.

Bis dahin bleibe ich auf dem Papier gerne Hundeausbildnerin. Danke Züri! Das ist schon mal ein schöner Anfang.