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Mein Hund, das Möbel? Mein Hund, der Alleskönner.

Ich sehe gerne Tiere. In echt und auch auf Bildern. Tiere sind, wie alles in der Natur, erfüllt von tiefer Würde und Schönheit. Das Innen und das Aussen gehören untrennbar zusammen, sind immer echt und immer authentisch. Jeder Mensch kann das wahrnehmen, ob er Tiere nun besonders mag oder nicht.

Bei vielen Menschen wird ein 'Jööheffekt' ausgelöst, wenn junge Tiere (oder Kinder) irgendwo abgebildet sind. Das ist nicht neu und Naturschutzorganisationen, Futtermittelhersteller oder auch Klopapierverkäufer machen sich diese Wirkung besonders in der Werbung gerne zu Nutze. Das spielende Büsi, die grossen Welpenaugen oder der herzige Schimpanse generieren Aufmerksamkeit und motivieren vielleicht auch zum Kauf eines Produktes bzw. zur Unterstützung durch eine Spende. Auch wenn ich diese Bilder nicht immer passend und die Spots im TV oft eher übertrieben fand, hat mich das persönlich nie sonderlich gestört.

Diesen Herbst hatten nun gleich zwei Schweizer Möbelhäuser Hunde auf der Titelseite Ihres Katalogs. Eigentlich nichts Besonderes und trotzdem macht mich das Ganze etwas nachdenklich. Aber warum? Das habe ich erst nämlich auch nicht verstanden. Die Fotos sind ästhetisch. Farblich und stimmungsmässig sprachen sie mich auf den ersten Blick sehr wohl an. Ein Kenner im Museum würde wohl von einer gelungenen Bildkomposition oder so sprechen. Aber Kunst ist das ja nicht und will es auch nicht sein. Es geht hier um Werbung. Das Produkt XY soll ins bestmögliche Licht gerückt werden und der Hersteller am besten grad auch. Die Hunde in den Aufnahmen habe mit Sicherheit nicht gelitten, wenn auch das Fotoshooting wohl nicht ganz unstressig war. Mit genug Pausen und einer Erholungsphase danach, kann man so einen Event (und das ist ein Fotoshooting für jeden Hund) auch mal machen, wenn man denn will. Nur, was manchen denn die Hunde überhaupt? Sie sitzen auf Stühlen oder, wenn man etwas weiter blättert, nicht nur auf dem hübschen Teppich, sondern auch im Bücherregal. Und da taucht dann schon das erste Fragezeichen (?) auf. Hunde sitzen nicht auf Stühlen und schon gar nicht auf dem zweitobersten Tablar im Regal. Was für Katzen normal ist, muss für einen Hund kein natürliches Verhalten sein. Und verirrt sich dieser doch mal zufällig auf den freien Stuhl am Mittagstisch, liegt das eher am guten Essen, als am schönen Stuhl. Kommt hinzu, dass so was den meisten Hundehaltern etwas zu weit geht und der Vierbeiner sehr bald wieder mit allen Pfoten auf dem Boden steht. Hausregeln lassen wir an dieser Stelle auch beiseite, denn um Erziehungsfragen geht es auf diesen Werbefotos auch nicht. ...Oder doch?

Neben der unnatürlichen Haltung der Hunde auf den Stühlen bzw. im Regal und der Tatsache, dass dieses Verhalten im Alltag in der Regel von den wenigsten Hundehaltern toleriert würde, frage ich mich schon, was mit dieser Werbung genau vermitteln werden will und wird. Auch wenn jeder Betrachter weiss, dass es nur Werbung ist, dass es sich um eine gestellte Situation handelt, die gar nicht den Anspruch hat, die Wirklichkeit abzubilden - der Hund wird hier (für einmal sehr eindeutig) zum Accessoire, zum Anhängsel, das das Bild verschönert oder vielleicht erst betrachtenswert macht. Auch das ist nicht neu, Models verdienen damit ihren Lebensunterhalt. Aber der Hund ist eben kein Mensch und schon gar kein Model. Er gehört nicht in die Welt von Glanz und Gloria, Neon- oder Rampenlicht. Für ein anderes Möbelhaus wurde im Katalog ein Schaf im Wohnzimmer abgebildet. Dort steht im Kleingedruckten dann, dass es dem Schaf gut ging und es erst per Computer nachträglich grün eingefärbt wurde. Klar lässt ein Schaf das mit sich machen, genau wie die Hunde brav auf den Stühlen sitzen. Aber warum bzw. für wen eigentlich?

Vermutlich ist mein Eindruck auch nicht ganz richtig aber wenn ich das so sehe, kommt's mir vor, als ob Tiere jetzt in der 'ganz normalen' Werbung eingesetzt werden, weil wir Menschen uns ihrer Natürlichkeit (und sei das Foto noch so gestellt und künstlich) und Echtheit nicht entziehen können. Tiere sind voll von Leben, aufrichtig und wunderschön, ohne sich dessen bewusst zu sein. Und diese Authentizität, mit der sie jedes Bild, jeden Raum und das Leben jedes Tierhalters erfüllen, die wird nun benutz, um für Möbel, Wohnkultur und Lifestyle zu werben. Aber gerade Arbeit und Lifestyle lassen dem Einzelnen meist kaum Zeit innezuhalten und sich in Ruhe mit der Welt auseinanderzusetzen. Sich ein eigenes Bild zu machen und den eigenen Platz oder Stuhl zu finden im Leben, ist gar nicht so einfach - aber der Wunsch ist oft da. Der Alltag vieler Menschen ist abgekoppelt von ihren eigenen Bedürfnissen und es fehlt an Echtheit, Aufrichtigkeit, Seelenwärme. Die Werbeindustrie hat das (neben vielen andern Wirtschaftszweigen) erkannt. Mir kommt es vor, als ob nach der Nachhaltigkeit eine Art 'Authentizitätswelle' die Gesellschaft und damit auch die Wirtschaft erfasst. Aus der Sinnsuche und dem Wunsch nach Wirklichkeit wird ein Geschäft wie jedes andere. Etwas paradox vielleicht, weil Werbung eben Werbung bleibt. Auch wenn sie gut ist, wird sie nie real. Und weil Tiere ihrem Wesen nach immer authentisch sind, müssen sie nun sogar in der Werbung für uns Menschen den Platz einnehmen, den sie gar nicht beanspruchen und sich wohl auch nicht wünschen und gleichzeitig sowohl 'Stil' als auch ein gutes Gefühl vermitteln. Nicht grad ein Klacks, wenn ich mir das so überlege... Schon erstaunlich, was unsere Hunde (und Schafe:) alles können.